Presse:2008 07 25 Campus-web.de über Maulwürfe

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Bin ich auch wirklich ich?

Maulwürfe feiern Premiere in der Orangerie im Volksgarten.

Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, einem Zeitalter, in das neuartige Geschäftsideen Einzug gehalten haben. Man muss beim Einkauf nur ein Chipkärtchen zücken und schon weiß der Gegenüber alles von einem. Angefangen bei der Schuhgröße über die individuellen Vorlieben bei Zeitschriften bis hin zu den regelmäßig benötigten Medikamenten. Doch was geschieht eigentlich, wenn sich jemand in dieses System einloggt und die persönlichen Daten manipuliert?

Mit dieser Annahme beschäftigt sich das Theater 1000 Hertz und Luftschiff.org seit gestern in der Uraufführung "Maulwürfe": Drei Menschen treffen in der ehemaligen Lagerhalle eines Datenkonzerns aufeinander. Alle sind sie auf der Suche nach Spuren oder möchten die eigenen am liebsten auslöschen. So hält H. aufgrund der gesammelten Indizien ihren Ehemann für einen Fremdgänger; Akribisch setzt sie Beweisstück für Beweisstück zusammen und ist empört, so hintergangen worden zu sein. Doch sind die Dinge wirklich so, wie sie scheinen? Hat nicht vielleicht alles vielmehr mit einem Komplott zu tun, wobei absichtlich Spuren in eine bestimmte Richtung gelegt wurden? Auch ein ehemaliger Angestellter der Firma Datascore, A,. taucht in der Lagerhalle auf. Er hat Zugang zu sämtlichen Überwachungsbändern und macht sich einen großen Spaß daraus, Spuren zu verwischen oder bewusst anders zu lenken. Dies wird auch der dritten Person bewusst, CEO. Sie kehrt in die Lagerhalle zurück, um ihre eignen Spuren zu verwischen, denn sie weiß selbst nur zu gut, welche Folgen es haben kann, in den falschen Statistiken aufzutauchen.

Die drei Protagonisten treffen in der Orangerie auf einer offenen Bühne zusammen und wirken in dem großen Raum verlassen. Die Kulisse ist damit gut gewählt, spiegelt sie doch die eigene Position im Datenkosmos wider. Aus Vorsicht vor zuviel Information sind die drei Darsteller daher nur Figuren, tragen keine richtigen Namen und sind sehr vorsichtig mit persönlichen Angaben. Nicht so die Schauspieler: Regisseurin Christina Vayhinger schlüpft selbst in mehrere Rollen und verkörpert unter anderem glaubhaft das ehemalige Werbemaskottchen Cyberbunny. Der revueähnliche Werbespot, welcher nochmals eindringlich auf die vermeintlichen Vorteile des gläsernen Kunden hinweist, macht die Aufführung äußerst lebendig. Außerdem kann A., gespielt von Anton Weber, stellenweise für ein paar Lacher im Publikum sorgen. Das tut bei der sonst eher ernsten Problematik auch wirklich ganz gut.

Gegen Ende des Stücks, als sich die ganze Tragweite des Missverständnisses um H.'s Ehemann schließlich geklärt hat, endet die Vorstellung recht abrupt. In dieser Inszenierung werden die Auswirkungen der Vorgehensweise solch skrupelloser Konzerne klar. Doch insgesamt wirkt sie eher konstruiert als real und es bleibt vieles offen. Wer jedoch Lust auf ein kleines Gedankenexperiment hat, der kann sich die "Maulwürfe" noch bis in den Oktober hinein ansehen.

Autor: Felicitas Keller Quelle: http://www.campus-web.de/1/1776/6949/