WAZ vom 26.2.2018 über "Wertvoll"

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„Wertvoll“ zeigt Jugendliche im Wahn der Selbstoptimierung

Von Sebastian Hetheier

Schrill: Bianka Lammert (l.) als Youtuberin nebst Ensemble. Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund. Aufgeblasene Egos erfüllt von heißer Luft: In Dortmund ist das Theaterstück „Wertvoll – Am besten bist du als du selbst“ uraufgeführt worden.

Von wegen faul. In „Wertvoll – Am besten bist du als du selbst“ von Klaus Fehling, das jetzt in Dortmund uraufgeführt wurde, zeigt sich eine Jugend, die das Beste aus sich herausholen will. Doch zwischen Leistungsdruck und Optimierungswahn lauern der Selbstverlust und die innere Leere.

Die Frage nach dem eigenen Ich kann sich der Heranwachsende Alexander (Thorsten Schmidt) erst gar nicht stellen. Für ihn heißt es schnell Karriere machen. Seine Helikopter-Eltern bemühen sich dabei um ideale Startvoraussetzungen für das spätere Berufsleben – irgendwas mit Business. Auf diesem Nährboden gedeiht ein sich immer weiter aufblasendes Ego, das in Marie Gimpels luftigem Bühnenbild seine Entsprechung findet: Was erst wie ein Airbag wirkt, der dem kleinen Alexander Schutz bietet, wird später zur riesenhaften Figur, die er als erwachsener Karrierist wie eine Laterne vor sich herträgt. Seine Sandkastenfreundin Gretchen (Ann-Kathrin Hinz) versucht immer wieder aus dem Korsett der gesellschaftlichen und elterlichen Erwartungen auszubrechen. Überdrehte Karikatur auf das Internetphänomen

Gretchens Frage: Wozu dieses ständige Streben nach Perfektion? Es muss noch etwas anderes geben. Zum Beispiel das Meer, dieser schöne Sehnsuchtsort, wo sie am besten Alexander mit hinnehmen würde. Doch der hat nur Augen für die immerzu strahlende Youtuberin Miriam Miracle (Bianka Lammert als glänzend-überdrehte Karikatur auf das Internetphänomen), die in ihren Videos für jede Lebenslage erfolgsversprechende Tipps präsentiert. Alexander heiratet. Sein Ego wächst, bis die Entfremdung vom Freundeskreis perfekt ist und der Ich-Ballon in sich zusammenfällt. Es bleibt ein Vakuum – und die Frage, wie es so weit kommen konnte.

Johanna Weißert inszeniert das temporeich und bissig. Die kurzweiligen, stellenweise etwas überhasteten 75 Minuten changieren dabei zwischen scharfer Satire (die mitunter in Klamauk abdriftet) und tiefer Tragik, wobei „Wertvoll“ alles andere als pädagogisch gerät. Zwar muss erst der Tod hereinbrechen, damit diese Jugend etwas ändert, doch es gibt Hoffnung.

Kinder- und Jugendtheater Dortmund, Termine: 9., 11. März; 24., 26., 27. April. Karten: 0231 / 50 27 222.