Presse:2009 11 30 Leipziger Volkszeitung über "Was interessiert mich mein Geschwätz....?"

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LVZ/Leipziger-Volkszeitung, 30.11.2009, S. 11
Ausgabe: Leipziger Volkszeitung-Stadtausgabe/Stadtausgabe
Ressort: Szene Leipzig

Gummitiere in Schwarz-Rot-Gold

Floskel-Revue

Schade, dass die verquaste Rücktrittsbegründung des geschassten CDU-Politikers Franz Josef Jung vom frühen Freitagnachmittag am selben Abend im Horns Erben keine Rolle spielt. Er übernehme "die politische Verantwortung für die interne Informationspolitik des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber dem Minister bezüglich der Ereignisse in Kundus", hat Jung geradebrecht. Der Satz passt nicht nur zum Titel der Floskel-Gala, die das Kölner Ensemble Futur 3 beim Festival "Deutsche Geschichten" erstmals in Leipzig aufführt: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?", ist sie überschrieben, ein Ausspruch, der Adenauer zugeordnet wird. Auch ein zweites Kriterium, nach dem Dramaturg Klaus Fehling und seine vier Schauspieler Zitate aus 60 Jahren wunderbar zu einer Polit-Show zusammenfügen, erfüllen die Worte des scheidenden Ministers: Der Bundeswehr-Angriff auf Tanklaster und Zivilisten könnte Deutschland verändern.

Mit Akkordeon, Gitarre und drei Bläsern spielt die Leipziger Gruppe Krain-Time "Sweet Dreams" von Eurythmics, Klaus Maria Zehe winkt, lächelt, umarmt Zuschauer, als er im Anzug in den Wohnzimmer-Club schreitet. Bald wird die Band die DDR-Hymne anstimmen, Sängerin Cornelia Dallügge aber "Einigkeit und Recht Freiheit" singen. Es ist verblüffend, wie gut zusammen passt, was im September 1948 noch nicht zusammen zu gehören schien: Zehe eröffnet als Alterspräsident Schönfelder die erste Sitzung des Parlamentarischen Rates, eingesetzt von den West-Alliierten. Nur Stefan H. Kraft als KPD-Vertreter Reimann wettert gegen die Einstimmigkeit der übrigen Repräsentanten.

Sogar Gummitiere und Lakritze reihen sich an der Bar schwarz, rot, golden. Die Inszenierung hält fast zwei Stunden lang den Spagat zwischen unterhaltsamer Trash-Revue und äußerst lehrreichem Volkshochschulkurs. Zehe rechtfertigt als Ulbricht den Mauerbau, und als Aurélie Thépaut daraufhin die Gebote der Jungpioniere spricht, brabbelt das Publikum spontan mit. "Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern." André Erlen ist als Kennedy ebenso überzeugend wie als Dutschke, Krain-Time beteiligen sich mit "Keine Macht für niemand" von Ton, Steine, Scherben am West-Aufbruch. Als 20 Jahre später der Osten rebelliert, beeindrucken Christa Wolfs weise Worte. Schon im November 1989 warnte die Schriftstellerin vor Wendehälsen.

Aber da liegt sich die Zuschauer bereits mit den Schauspielern in den Armen, überhaupt fordert das Stück das Publikum: in einem Floskel-Quiz und schließlich als Bundestagsabgeordnete. Wie in der Kölner Premiere mag niemand zur FDP gehören, als die Finanzkrise debattiert wird. Bundeskanzlerin Merkel sagt, sie strebe eine soziale Marktwirtschaft an, "das ist eine, die dem Menschen dient". Weniger verbindlich hätte es nicht einmal Franz Josef Jung ausdrücken können.Mathias Wöbking