Presse:2008 03 17 dpa über die Uraufführung von "Risiken und Nebenwirkungen" in Osnabrück

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Die Last der Erinnerung

Klaus Fehlings Schauspiel «Risiken und Nebenwirkungen» in Osnabrück uraufgeführt. Von Thorsten Stegemann, dpa.

Die 70-jährige Anni sitzt allein auf der Bühne. Ihre Tochter Sigrid hätte vorbei kommen sollen, doch die lässt seit geraumer Zeit auf sich warten. Annis Gedanken schweifen ab, zum 11. September, in die terroristischen 70er Jahre und weiter zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Was hat die Geschichte mit den Menschen gemacht, inwiefern haben sie selbst Schuld auf sich geladen? Klaus Fehlings Stück «Risiken und Nebenwirkungen», das am Freitag mit großem Erfolg und Sonderbeifall für den anwesenden Autor in Osnabrück uraufgeführt wurde, stellt spannende Fragen, die noch längst nicht beantwortet sind.

Denn auch Annis Tochter Sigrid, die beim Arzt auf das Ergebnis ihrer Krebsuntersuchung wartet, weiß nicht mehr genau, warum sie einst mit der RAF sympathisiert hat und dann Hals über Kopf in die DDR geflohen ist. Eines Tages stand sie wieder vor Annis Wohnungstür, doch über die seltsamen politischen Irrwege der Tochter haben beide nie geredet. Auch die Rolle des verhassten Vaters, den die Mutter in der Erinnerung vom SS-Untersturmführer zum tapferen Soldaten befördert hat, stand nie zur Debatte.

Anni rückt ihren Problemen lieber mit Medikamenten zu Leibe. Seit 40 Jahren probiert sie alle erdenklichen Mittel und sammelt die Beipackzettel, die mittlerweile zu einem stattlichen Archiv angewachsen sind. Hier kann sie all die Nebenwirkungen nachlesen, die ein erfülltes Leben verhindert haben. Sigrids Risiken führen allerdings zu keiner erfreulicheren Bilanz. Ihre Ideale sind längst von der Geschichte entsorgt worden.

Mit «Risiken und Nebenwirkungen» ist dem 1969 in Köln geborenen Klaus Fehling ein facettenreiches Doppelporträt und gleichzeitig ein reizvoller Blick auf die jüngere Geschichte gelungen. Zwischen dem politischen Großereignis und der persönlichen Betroffenheit zieht er mitunter bizarre, aber höchst aussagekräftige Querverbindungen. So etwa, wenn berichtet wird, dass Anni ihrer Tochter neue Schiesser-Schlüpfer gekauft hat, nachdem die RAF-Ikone Holger Meins in Unterwäsche verhaftet wurde.

Regisseur Marcel Keller, der in Osnabrück auch für das karge Bühnenbild und die betont farblosen Kostüme verantwortlich ist, inszeniert das Stück als keineswegs humorloses, aber doch beklemmendes Kammerspiel. Zu Beginn lässt er das Publikum vor einem riesigen Spiegel sitzen, während aus den Lautsprechern die in das World Trade Center stürzenden Flugzeuge und der überlaute 9/11-«Soundtrack» von Enya zu hören sind.

Anni und Sigrid bewegen sich zwar im gleichen Raum, finden aber keinen Weg, um sich zu begegnen, miteinander zu sprechen oder sich gegenseitig zu unterstützen. Allein Zivi Robert, der eigentlich nur einen Funkfinger abgeben wollte, belebt die Szenerie und versucht das über Jahrzehnte erprobte Prinzip des An-einander-vorbei-Redens zu durchbrechen.

Die 90minütige Vorstellung lebt von starken schauspielerischen Auftritten. Katrin Stephan (Anni) und Christina Dom (Sigrid) liefern sich ein Mutter-Tochter-Fernduell auf hohem Niveau, das während der langen Monologe kaum Spannung verliert. Laurenz Leky (Robert) überzeugt als schelmischer, aber letztlich erfolgloser Störenfried, der übrigens selbst auch ein paar Probleme hat: Sein Leben spielt sich vorzugsweise im Internet ab und bereitet so die Kommunikationsstörungen der nächsten Generation vor.